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Nadine Reichmuth vom FCRJ ist neue FIFA Schiedsrichterin

Nadine Reichmuth: «Es fühlt sich immer noch surreal an…» 

FCRJ-Schiedsrichterin Nadine Reichmuth ist neu FIFA-Referee. Ein Gespräch über ein surreales Jahr, grosse Stadien, klare Entscheidungen – und einen Klub, der stolz sein darf.

Auch für den FC Rapperswil-Jona ist es ein besonderer Moment. Mit Nadine Reichmuth hat eine Schiedsrichterin aus den eigenen Reihen den Sprung in die internationale Spitzenklasse geschafft – Schritt für Schritt, leise und konsequent.

Die 31-Jährige, die einst selbst im FCRJ-Trikot spielte und mit 19 ihre aktive Fussballkarriere beendete, gehört heute zu einem exklusiven Kreis: Als frisch ernannte FIFA-Schiedsrichterin trägt sie den begehrten FIFA-Badge und zählt damit zu nur 12 Unparteiischen der Schweiz, die diesen tragen und international eingesetzt werden dürfen – darunter lediglich fünf Frauen.

Nadine Reichmuth, Sie sind neu FIFA-Schiedsrichterin. Eintritt in die Königsklasse – was geht Ihnen durch den Kopf?
(lacht) Ganz ehrlich: Es fühlt sich immer noch surreal an. Selbst jetzt, während wir hier sprechen, habe ich es noch nicht vollständig realisiert. Natürlich ist es eine riesige Ehre. Gleichzeitig weiss ich: Auch hier beginne ich wieder unten. Bei den FIFA-Referees gibt es verschiedene Gruppen – Elite, Gruppe 1 und Gruppe 2. Ich starte in Gruppe 2. Das bedeutet zunächst U17- und U19-Qualifikationsturniere, Länderturniere, Testspiele. Kleinere internationale Einsätze, aber genau das ist der richtige Weg.

Wann haben Sie erfahren, dass es geklappt hat?
Innerhalb des SFV wird das relativ offen kommuniziert. Seit Mai wusste ich, dass ich nominiert bin. Danach hiess es warten, hoffen. Der definitive Entscheid kam per Telefon: Sascha Amhof hat mir die Nachricht überbracht. Und das Verrückte war – am selben Tag erhielt ich auch die Bestätigung, dass ich die Referee Academy bestanden habe und nun 1.-Liga-Classic pfeifen darf. Das Telefon kam, als ich bereits auf dem Weg ins Bett war. Ein völlig irrer Tag.

Kurz danach wurden Sie auch noch zur Schiedsrichterin des Jahres des Ostschweizer Fussballverbandes gewählt. Emotional ein bisschen viel auf einmal?
Definitiv. Es war ein extrem turbulentes Jahr – aber auf die schönste Art. Ankommen in der 1. Liga, diese Auszeichnung und dann die FIFA-Ernennung. Das alles muss ich erst noch richtig verarbeiten.

Sie sind seit rund zehn Jahren Schiedsrichterin. Welche Highlights stechen rückblickend besonders heraus?
Ganz klar die drei intensiven Jahre in der Schiedsrichter-Academy. Die muss man bestehen, um in der 1. Liga Classic pfeifen zu dürfen. Pro Region wird nur eine Person pro Jahr entsandt – das allein zeigt, wie speziell das ist. Ein weiteres Highlight war mein Einsatz als Assistentin in der Women’s Champions League zwischen Breidablik und Real Madrid. Dazu kamen internationale Spiele als vierte Offizielle, zuletzt etwa in der Women’s Europa League – Achtelfinal, Inter Mailand. Und dann dieses Testspiel Polen gegen Niederlande: ein riesiges Stadion, eine unglaubliche Kulisse. Als wir als Schiedsrichterteam den Rasen betraten, waren wir schlicht sprachlos. Es galt, den Fokus dann rasch wieder aufs Spiel zu legen. Was uns gelungen ist (lacht).

Hand aufs Herz: Wie schwierig ist es als Frau, bei den Männern zu pfeifen – etwa in der 1. Liga?
Auf dem Platz? Nicht schwieriger als für meine männlichen Kollegen. Von den Spielern habe ich durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Wenn Vorurteile spürbar sind, dann eher im Umfeld – bei Zuschauern. Frauen stehen dort oft stärker unter Beobachtung. Aber auf dem Feld zählt Leistung. Ich bin seit Jahren als Teil eines Teams unterwegs, da spürt man die Beobachtung etwas weniger.

Gibt es Spiele, die Sie nie vergessen werden?
Oh, da gäbe es viele. Ein vielleicht unspektakuläres, aber für mich sehr eindrückliches: kürzlich ein 1.-Liga-Spiel in der Westschweiz mit einem reinen Frauen-Schiedsrichtertrio. Das Feedback nach dem Spiel war einfach «mega». Oder das internationale Freundschaftsspiel der U23-Frauen: Japan gegen Marokko in Südfrankreich. Grossartige Stimmung, grosses Niveau – solche Erlebnisse bleiben.

Sie sind Schiedsrichterin des FC Rapperswil-Jona. Welche Bedeutung hat der FCRJ für Sie?
Eine sehr grosse. Ich habe beim FCRJ selbst gespielt, der Klub hat mir den Einstieg ins Schiedsrichterwesen ermöglicht. Der FCRJ ist mein Zuhause. Ich habe auch die Entwicklung der 1. Mannschaft immer eng verfolgt und war begeistert. Ich erinnere mich gut, wie ich mir einmal sagte: Eines Tages will ich in der Promotion League pfeifen. Ohne den FCRJ wäre mein Weg so nicht möglich gewesen.

Was würden Sie jungen Menschen beim FCRJ sagen, die überlegen, Schiedsrichterin oder Schiedsrichter zu werden?
Es ist eine enorme Lebensschule. Man entwickelt sich menschlich weiter, lernt mit Druck und schwierigen Situationen umzugehen, muss viele Entscheide treffen und für diese einstehen. Man reist viel, lernt neue Menschen kennen. Und ja, es gibt Kritik – aber meistens kommt auch viel Positives zurück.

Und der Blick nach vorne: Was sind Ihre Ziele?
Ich kann gut noch weitere zehn Jahre pfeifen. Kurzfristig will ich die Saison in der 1. Liga stark abschliessen. Dann steht mein erster UEFA-Kurs an – dort möchte ich von Beginn weg überzeugen, um Schritt für Schritt grössere Aufgaben zu erhalten. Und natürlich: Ein Einsatz an einer EM oder WM wäre ein Traum.

Für den FC Rapperswil-Jona steht fest: Nadine Reichmuths Weg ist noch lange nicht zu Ende. Dass eine Schiedsrichterin aus den eigenen Reihen heute zu den 12 besten der Schweiz zählt und die Schweiz international vertritt, ist eine Ehre – für sie selbst, aber auch für den gesamten Klub. Und vielleicht erst der Anfang einer ganz grossen Geschichte. (rlu)